Über 100 freiwillige Feuerwehrleute trainieren unter realistischen Bedingungen
Dichter Rauch, Hilferufe aus den Fenstern und Menschenrettung über Drehleiter: 140 Einsatzkräfte trainieren bei spektakulärer Großübung in Solingen den Ernstfall

Dichter Rauch quillt aus den Fenstern, verzweifelte Hilferufe hallen über das Gelände und eine Drehleiter wird in Stellung gebracht: Was sich am Samstagvormittag in Solingen-Wald abspielt, sieht auf den ersten Blick nach einem dramatischen Feuerwehreinsatz aus. Menschen stehen an den Fenstern eines Gebäudes und warten auf Rettung, während Feuerwehrleute unter Atemschutz in das verrauchte Innere vordringen. Doch zum Glück ist es diesmal kein echter Notfall. Rund 140 Einsatzkräfte trainierten im ehemaligen Lebenshilfe-Gebäude an der Freiheitstraße für Situationen, in denen im Ernstfall jede Sekunde zählen kann.
Es ist kurz nach 9 Uhr am Samstagmorgen, als sich das Gelände an der Freiheitstraße in einen groß angelegten Übungsort verwandelt. Mehr als 100 Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr Solingen sowie zahlreiche Rettungskräfte von Hilfsorganisationen sind an diesem Tag gefordert. Was die Einsatzkräfte erwartet, ist alles andere als eine gewöhnliche Übung.
Gleich zwei unterschiedliche Einsatzszenarien sollen möglichst realitätsnah nachgestellt werden. Im Mittelpunkt stehen die Rettung von Menschen aus brennenden Gebäuden, die Brandbekämpfung unter schwierigen Bedingungen und die medizinische Versorgung zahlreicher Verletzter. Für die Feuerwehrleute bedeutet das: Entscheidungen treffen, Menschen retten und als Team funktionieren – auch dann, wenn die Situation unübersichtlich wird.

Menschen rufen aus den Fenstern um Hilfe
Das erste Szenario beginnt mit einer dramatischen Ausgangslage. In einem Gebäude soll ein Feuer ausgebrochen sein, mehrere Menschen befinden sich noch in den Räumen und können sich nicht selbstständig in Sicherheit bringen. Als die ersten Löschfahrzeuge eintreffen, stehen bereits Menschen an den Fenstern. Sie rufen lautstark um Hilfe und machen auf ihre Notlage aufmerksam. Was die Feuerwehrleute zu diesem Zeitpunkt sehen, könnte sich so auch bei einem tatsächlichen Wohnungsbrand abspielen.
Die vermeintlich eingeschlossenen Bewohner sind Mitglieder der Jugendfeuerwehr, die für diesen Tag die Rolle der Betroffenen übernehmen. Ihre Hilferufe gehören zum Übungsszenario, sorgen aber für eine realistische Ausgangslage. Während die Einsatzkräfte die Situation erkunden, wird eine Drehleiter vor dem Gebäude positioniert. Gleichzeitig bereiten sich weitere Feuerwehrleute darauf vor, unter Atemschutz in das Gebäude vorzudringen. Und dann wird es zunehmend unübersichtlich.

Dichter Rauch und schrillender Feueralarm erschweren die Menschenrettung
Mehrere Nebelmaschinen sorgen dafür, dass sich dichter künstlicher Rauch im Gebäude ausbreitet und aus den Fenstern dringt. Die Sichtverhältnisse im Inneren werden dadurch erheblich eingeschränkt. Hinzu kommt ein Geräusch, das den Einsatzkräften während ihrer Arbeit immer wieder in den Ohren liegt: das durchdringende Piepen der ausgelösten Brandmeldeanlage. Eine zusätzliche Belastung, die bewusst Teil der Übung ist. Denn auch bei einem echten Gebäudebrand herrscht selten Ruhe. Alarmtöne, Einsatzbefehle und die Geräusche der Löschmaßnahmen können die Verständigung erschweren.
Während draußen die Drehleiter an das Fenster herangefahren wird, arbeiten sich im Inneren bereits Feuerwehrtrupps durch die künstlich verrauchten Räume. Ihre Aufgaben sind klar: Vermisste Personen finden, Menschen in Sicherheit bringen und die angenommene Brandstelle bekämpfen. Über die Drehleiter werden die an den Fenstern wartenden Darsteller schließlich aus ihrer vermeintlichen Notlage gerettet.
Jeder Handgriff muss sitzen. Die Abstimmung zwischen den Einsatzkräften ist entscheidend, denn im Ernstfall könnten genau solche Abläufe darüber entscheiden, wie schnell eingeschlossene Menschen aus einem brennenden Gebäude gerettet werden. Gegen 10.30 Uhr ist der erste Übungsabschnitt abgeschlossen. Die beteiligten Löscheinheiten verlassen das Gelände. Doch der anspruchsvollere Teil des Tages steht noch bevor.

Illegale Party im leer stehenden Hochhaus – plötzlich bricht Feuer aus
Um 13 Uhr beginnt das zweite Szenario. Diesmal wird eine Einsatzlage angenommen, die gleich mehrere Herausforderungen miteinander verbindet. In einem leer stehenden Hochhaus, einem sogenannten „Lost Place“, sollen Jugendliche eine illegale Party gefeiert haben. Dann bricht ein Feuer aus. Mehrere Menschen werden verletzt, andere benötigen Hilfe. Erneut sorgen zahlreiche Nebelmaschinen für eine dichte künstliche Rauchentwicklung. Wieder müssen Feuerwehrkräfte in das Gebäude vordringen, die Lage erkunden und die angenommene Brandbekämpfung einleiten.
Doch diesmal steht nicht allein die Menschenrettung im Mittelpunkt. Auch die medizinische Versorgung zahlreicher Verletzter wird zu einer zentralen Herausforderung. Denn bei einem größeren Schadensereignis reicht es nicht aus, Menschen möglichst schnell aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Sie müssen anschließend untersucht, entsprechend ihrer Verletzungen versorgt und gegebenenfalls für den Transport in ein Krankenhaus vorbereitet werden.
Genau dieses Zusammenspiel zwischen Feuerwehr und Rettungsdienst soll unter möglichst realistischen Bedingungen trainiert werden.

Sieben Verletzte und sieben Übungspuppen – plötzlich muss reanimiert werden
Für das zweite Szenario haben die Verantwortlichen insgesamt sieben Darsteller und sieben Übungspuppen vorbereitet. Sie stellen unterschiedliche Verletzungsbilder dar und müssen von den Einsatzkräften entsprechend versorgt werden. An den Übungspuppen befinden sich Zettel, auf denen die jeweiligen Symptome beschrieben sind. Die Feuerwehr- und Rettungskräfte müssen anhand dieser Informationen entscheiden, welche Maßnahmen erforderlich sind. Dabei wird auch eine Situation simuliert, in der es um Leben und Tod geht.
Eine der Übungspuppen muss wiederbelebt werden. Für die Einsatzkräfte bedeutet das, dass sie unmittelbar mit der Reanimation beginnen und gleichzeitig die weiteren Schritte mit dem Rettungsdienst abstimmen müssen. Während Feuerwehrleute und Rettungskräfte gemeinsam die Wiederbelebung durchführen, wird auch der anschließende Transport in ein Krankenhaus vorbereitet. Es ist eine Übungssituation – doch die Abläufe entsprechen den Anforderungen, die bei einem tatsächlichen medizinischen Notfall entscheidend wären.
Die eingeplanten Rettungskräfte der Hilfsorganisationen übernehmen die weitere Versorgung der Verletzten. Gerade bei größeren Einsätzen mit vielen Betroffenen ist diese Zusammenarbeit von besonderer Bedeutung. Unterschiedliche Einheiten müssen ineinandergreifen, Informationen weitergeben und ihre Maßnahmen aufeinander abstimmen.

Rauch, Hilferufe und zahlreiche Einsatzfahrzeuge sorgen für Aufsehen
Auch außerhalb des Übungsgeländes bleibt das Geschehen nicht unbemerkt. Immer wieder bleiben Passanten stehen und verfolgen die umfangreichen Maßnahmen der Feuerwehr. Schließlich ist das, was sich auf dem Gelände abspielt, auch für Außenstehende ein ungewöhnlicher Anblick. Dichter Rauch dringt aus einem Gebäude, Menschen rufen aus den Fenstern um Hilfe und Feuerwehrkräfte arbeiten mit einer Drehleiter.
Hinzu kommen zahlreiche Einsatzfahrzeuge und Rettungskräfte, die Verletzte versorgen. Die Szenarien sind bewusst so gestaltet, dass sie einem echten Einsatz möglichst nahekommen. Für die ehrenamtlichen Feuerwehrleute ist der Tag deshalb weit mehr als eine Gelegenheit, bekannte Handgriffe zu wiederholen. Sie müssen unter erschwerten Bedingungen zusammenarbeiten und auf unterschiedliche Situationen reagieren.

Feuerwehr-Vizechef geht selbst unter Atemschutz ins Gebäude
Mitten unter den Einsatzkräften befindet sich auch Simon Preuß, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Solingen. Normalerweise gehört es bei größeren Einsätzen unter anderem zu seinen Aufgaben, Führungsverantwortung zu übernehmen und Einsatzmaßnahmen zu koordinieren. An diesem Samstag übernimmt er jedoch eine andere Rolle. Preuß geht selbst als Brandbekämpfer in das Gebäude und beteiligt sich unmittelbar an den praktischen Einsatzmaßnahmen.
Als er nach seinem Einsatz wieder ins Freie kommt und seine Atemschutzmaske ablegt, ist ihm die körperliche Anstrengung deutlich anzusehen. Ein Eindruck davon, wie belastend die Arbeit unter Atemschutz selbst unter kontrollierten Übungsbedingungen sein kann. Doch für Preuß geht es bei der Großübung nicht allein darum, die Leistungsfähigkeit der Feuerwehr unter Beweis zu stellen. Viel wichtiger ist für ihn, aus den gemachten Erfahrungen zu lernen.
Damit macht er deutlich, dass bei einer solchen Übung nicht zwingend alles reibungslos funktionieren muss. Im Gegenteil: Gerade erkannte Schwachstellen können wertvolle Erkenntnisse liefern, wenn sie anschließend ausgewertet und durch gezielte Schulungen oder weitere Übungen aufgearbeitet werden.
Wir üben ja nun einmal auch, um Schwachstellen zu erkennen, und ich denke, dass uns das hierbei auch gelungen ist

Wenn aus einer Übung plötzlich ein echter Notfall werden könnte
Gegen 16 Uhr endet schließlich auch der zweite Übungsabschnitt. Für die rund 140 beteiligten Einsatzkräfte geht damit ein langer und anspruchsvoller Ausbildungstag zu Ende. Doch für die Verantwortlichen ist die Arbeit damit noch nicht abgeschlossen. In der anschließenden Nachbereitung sollen insbesondere die Führungskräfte die Abläufe analysieren. Was hat gut funktioniert? Wo gab es Schwierigkeiten? Welche Maßnahmen müssen verbessert werden?
Die Antworten auf diese Fragen sollen in die weitere Ausbildung einfließen. Denn bei einem tatsächlichen Gebäudebrand bleibt oft nur wenig Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Wenn Menschen an Fenstern um Hilfe rufen, Räume verraucht sind oder Verletzte dringend medizinisch versorgt werden müssen, müssen die verschiedenen Einsatzkräfte zuverlässig zusammenarbeiten. Genau darauf sollte die Großübung in Solingen-Wald vorbereiten.
Am Samstag waren die Hilferufe nur gespielt, der Rauch künstlich und die Verletzungen Teil eines vorbereiteten Szenarios. Bei einem echten Einsatz wäre das anders – und genau deshalb trainierten die Feuerwehrleute und Rettungskräfte einen ganzen Tag lang für den Moment, in dem aus einer solchen Lage bitterer Ernst wird.






